„Magnolia“ – Filmkritik

Handlung

In einem Vorort von Los Angeles ereignet sich eine Kette von Zufällen, welche neun Menschen in den folgenden 24 Stunden untrennbar aneinander knüpfen wird. Der Fernsehmagnat Earl Partridge liegt im Sterben und vertraut seinem Pfleger Phil einen letzten Wunsch an: er möchte seinen Sohn Frank noch einmal wiedersehen. Während Phil den verlorenen Sohn ausfindig macht, wird Partridges Frau Linda von Schuldgefühlen geplagt. Sie hat ihren älteren Mann nie geliebt, ihn häufig betrogen und erst jetzt wird ihr verzweifelt bewusst, dass sie doch Gefühle für Big Earl entwickelt hat. Unter der Last dieser Erkenntnis steht sie kurz davor, sich das Leben zu nehmen.

In der Zwischenzeit hat Pfleger Phil Frank T.J. Mackey gefunden. Frank moderiert unter dem Motto „Alle macht den Schwänzen“ eine, zumindest unter den Männern, erfolgreiche TV-Show. Mit dieser will er letztendlich nur den Verlust seines Vaters verarbeiten, der ihn und seine todkranke Mutter verlassen hat, als Frank ein Kind war. Frank hat sich eine Art neue Identität erschafft und will von einer Aussöhnung mit seinem sterbenden Vater nichts wissen.

Ebenso verzweifelt sucht Jimmy Gator, Moderator von Earls beliebtester Fernsehshow „What do kids know?“, eine Aussöhnung mit seiner drogensüchtigen Tochter Claudia, da auch er nur noch zwei Monate zu leben hat. Doch auch Claudia will nichts mehr von ihrem Vater wissen, da dieser sie als Kind sexuell missbraucht hat. Verzweifelt versucht sie sich mit wechselnden Sexpartnern und Koks zu betäuben.

Aufgrund einer Beschwerde wegen zu lauter Musik klopft Officer Jim Kurring an Claudias Tür. Vom ersten Moment an ist der gesetzestreue Polizist von ihr begeistert und versucht Claudia näher zu kommen.

Das ehemalige Quiz-Kind Donnie Smith, inzwischen ein desillusionierter Mann mittleren Alters der sein Coming-out sein Leben lang vor sich hergeschoben hat, scheitert ebenso bei seinem Job wie in der Liebe. Er verfolgt im Fernsehen mit wie der junge Stanley bei „What do kids know?“, der selben Show bei welcher Donnie gewesen war, mit seinem Leben hadert. Von dem Vater zum Wunderkind gedrillt und ohne persönliche Rechte beschließt Stanley mitten in der Show, nicht mehr nur als Marionette zu agieren.

Meinung

Zufall, Schicksal oder Fügung? Eine Frage die Millionen von Menschen überall auf der Welt beschäftigt. Ein Off-Sprecher macht dem Zuschauer in der 188 minütigen Mammutproduktion Magnolia bereits zu Anfang klar, dass er an Zufälle glaubt. Das es Zufälle tatsächlich gibt. Als Beweis führt er eine skurrile Geschichte an, welche sicht tatsächlich ereignet haben soll.

Der Regisseur Paul Thomas Anderson war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 29 Jahre alt. Warum dies erwähnenswert ist? Weil es durchaus eine herausragende Leistung ist diese Flut von Charakteren, Handlungssträngen, Bildsprüngen, schlichtweg diese ganzen Zufälle in einem einzigen Film zu vereinen.

Man könnte die dritte Regiearbeit von Anderson als Episodenfilm bezeichnen, was es allerdings aufgrund des Zusammenlaufens sämtlicher Geschichten nicht ganz treffen würde. Schnell wird dem Zuschauer bewusst, dass sämtliche Charaktere auf die ein oder andere Art miteinander in Verbindung stehen und der Film somit unweigerlich auf ein großes Zusammentreffen hinsteuert. Dies hat Magnolia auch seinen Titel beschert, der den Boulevard benennt, auf dem sich die Schicksale aller neun Personen kreuzen.

Hervorheben sollte man die schauspielerischen Leistungen aller beteiligten. Sei es eine am Boden zerstörte Julianne Moore als Earls Frau Linda, Melora Walters in einer ihrer besten Rollen als Jimmys Tochter Claudia oder der zwischen Lebenslust und Lebensfrust wankende Tom Cruise als Sex-Guru Frank. Sie alle hatten viel Raum ihre Rollen auszuleben und haben diesen produktiv genutzt.

Das auf der 50. Berlinale mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnete Drama ist, bei näherem hinschauen, ganz sicher nicht willkürlich zusammengewürfelt. Viele kleine Anekdoten und Anspielungen verknüpfen sich im Laufe des Films zu einem Ganzen. Keine Szene, keine Geste, kein Satz taucht zu unnütz auf. Die missbrauchte Tochter ist in Zusammenhang gesetzt mit dem seelisch missbrauchten Sohn und dem Selbstmissbrauch der verzweifelten Ehefrau. Ebenso in den Vordergrund gerückt wird der Akt des Verzeihens, sei es der um Verzeihung bittende Vater oder die erwachsen gewordenen Kinder, die diese gewähren sollen.

Wer aufgepasst hat, den wird auch der Froschregen in der letzten Szene nicht überraschen. Nicht nur die eingeblendeten Wettervorhersagen weisen auf ein ungewöhnliches meteorologisches Ereignis hin. Immer wieder kommt die Zahl 82 im Film vor, welche auf das 2. Buch Mose, Exodus 8:2 hindeutet. Die Bibelstelle taucht schon in der Quizshow auf und lautet:

„Aaron streckte seine Hände über die Gewässer Ägyptens aus. Da stiegen die Frösche herauf und bedeckten ganz Ägypten.“

Die Plage wird im Film dazu eingesetzt den Verlauf der Geschichten in eine positive Richtung zu lenken und die Katastrophe zu verhindern.

Dem ein oder anderen mag die Geschichte zu verworren erscheinen. Vielleicht schaltet er Magnolia nach der Hälfte mit den Worten: „So etwas verrücktes!“ aus, um sich weniger kopfzerbrechenden Freizeitaktivitäten hinzugeben. Es sei ihm nicht zu verdenken.

Doch manch einer wird auch gefesselt werden von den tragischen Lebensgeschichten und sich den Film immer und immer wieder anschauen auf der Suche nach weiteren Details.

Zufälle gibt es tatsächlich.

Big Earl Partridge: Jason Robards
Phil Parma: Philip Seymore Hoffman
Linda Partridge: Julianne Moore
Frank T.J. Mackey: Tom Cruise
Jimmy Gator: Philipp Baker Hall

Claudia Wilsom Gator: Melora Walters
Jim Kurring: John C. Reilly
Donnie Smith: William H. Macy
Stanley Spector: Jeremy Blackman

Regie: Paul Thomas Anderson | USA, 1999

Länge: 188 min | FSK: ab 12 | Buch: Paul Thomas Anderson | Kamera: Robert Elswit | Szenenbild: William Arnold, Mark Bridges | Schnitt: Dylan Tichenor | Musik:Jon Brion, Aimee Mann | Produktion: Joanne Sellar

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