„Frauen schön und stark – Frauen von heute über die Schönen der Kunst“, Petra Müller und Rainer Wieland – Rezension



„Ich bin froh, eine Frau zu sein«, und ihr Mann scheint zu antworten: »Und ich liebe dich genau deswegen, an jeder Stelle deines Körpers und deiner lachenden Seele“ (S. 71)

Gabriele Strehle, die Schöpferin und Chefdesignerin des Modelabels Strenesse, nimmt mit diesem Zitat Bezug auf das Gemälde „Das Pelzchen“ (1638) von Peter Paul Rubens. Rubens porträtierte seine damalige Frau. Angeblich die schönste Frau ihrer Zeit. Heute hätte die Dame nicht den Hauch einer Chance Heidi´s „Next Topmodel“ zu werden. Aber wie heißt es: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und genau darum geht es in dem Bildband: Frauen schön und stark, herausgegeben von Petra Müller und Rainer Wieland.


Was für manch einen kaum denkbar ist: Schon seit dem Abendland ist vielen Frauen der Zugang zur Kunstwelt versagt geblieben. Dies war einzig und allein den Männern vorbehalten. Männer porträtierten Frauen aus ihrem subjektiven Blickfeld heraus. Von Männern interpretiert, an Männer adressiert. Der weibliche Körper, seine Nacktheit, als Objekt der männlichen Phantasien. Damit sollte es spätestens mit diesem Bildband vorbei sein. Dem Leser/Betrachter werden Gemälde aus den vergangenen sechs Jahrhunderten präsentiert. 56 starke Frauen aus dem 21. Jahrhundert erläutern die Frauenrollen in der Gesellschaft. Aus ihrer ganz eigenen, subjektiven Wahrnehmung heraus.

Danger. Women at work.

Am Anfang war Eva. Die erste Frau der Menschheit, will man der biblischen Geschichte Glauben schenken. Und so steht auch die „Eva“ (1507) von Albrecht Dürer an erster Stelle unserer Bilderreise. Margot Käßmann, die ehemalige Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, stellt Eva der Mutter Gottes, Maria gegenüber. Auf der einen Seite die Verführerin, auf der anderen Seite die Fleischgewordene Reinheit. Dabei bemerkt Käßmann, dass Eva eben nicht die Verführerin sei, sondern vielmehr die Mutter der ganzen Menschheit. In der Geschichtsschreibung sei sie bisher viel zu kurz gekommen.

In Frauen schön und stark findet der Leser keine Aneinanderreihung von kunstwissenschaftlichen Analysen vor. Auf jeder Seite ist ein anderer Schreibstil zu finden. Auch eine Vielzahl von Schriftstellern, Publizisten und Lektoren haben Stellung zu den unterschiedlichsten Frauenfiguren bezogen. Eva Gesine Baur ist als Autorin und Journalistin in München tätig. Mit einer ganz persönlichen Erzählung aus ihren Jugendtagen beschreibt sie Francisco de Goya´s „Die nackte Maya“ (1795). Zu Weihnachten hatte sie einen Kunstkalender geschenkt bekommen. Und seitdem hat sie der Gedanke an die nackte Fraue nicht mehr losgelassen. Erst als erwachsene Frau wurde ihr klar, dass es nicht die Nacktheit war, welche de damaligen Betrachter schockiert hat. Es ist der offene Blick der Maya, welcher den Betrachter trifft und sagt: Ich will dich.

Dieser Wechsel zwischen kunsthistorischen Daten, wissenschaftlicheren Standpunkten und subjektiven Empfindungen garantiert, dass sich auch Leser ohne Kunstkenntnisse beim betrachten des Bildbandes wohlfühlen.

Wenn das kein Vorbild ist

Das es ist nicht immer leicht ist, als Frau Beruf und Familie in Einklang zu bringen ist bekannt. Clara Streit ist Senior Partnerin bei der Unternehmensberatung McKinsey&Company Inc. In Berthe Morisot´s Gemälde „Die Wiege“(1872) sieht Clara Streit das „Schlafende Glück“. Es ist jeden Tag aufs neue eine Herausforderung Kind und Karriere zu verbinden. Aber sie würde es immer wieder tun.

Antje Vollmer, Politikerin und Publizistin, schildert ihre Gedanken zu Eugène Delacroix´s „Die Freiheit führt das Volk“ (1831). Frauen sind nicht das schwache Geschlecht, als welchen sie in vielen Jahrhunderten von den Männern hingestellt worden sind. Ganz im Gegenteil.

„So wild verführerisch, so im Zentrum und zugleich bei sich selbst sind die Frauen nur in den Zeiten der Umbrüche, des Aufruhrs, der Gesellschaftsveränderungen, der Kriege und der Nachkriege.“

In der Reihe der erfolgreichen, intelligenten Frauen darf ein Name nicht fehlen: Katharina die Große. Isa Gräfin von Hardenberg beschreibt diese einflussreiche Figur der Zeitgeschichte anhand des Porträts „Katharina die Große“ (1794) von Johann Baptist Lampi. Noch heute gilt Katharina als das Vorbild für schöne, intelligente und ehrgeizige Frauen.

Auf das Ende des Krieges zwischen Mann und Frau

Alle 56 Autorinnen schaffen es auf ihre Weise, den Frauengemälden leben einzuhauchen. Ein empfehlenswerter Bildband, nicht nur für Kunstkenner. Bleibt zum Schluss nur noch zu sagen, dass die Zukunft hoffentlich mehr Toleranz für die Frauenfiguren unserer Gesellschaft bereithält. Um es mit den Worten von Maria von Welser zu sagen:
„Was kann einem ein Gemälde Schöneres vermitteln […, als] die Weisheit, daß sich Männer und Frauen besser verstehen, wenn wir Frauen das Männliche in uns und die Männer das Weibliche in sich akzeptieren.“

Ein besondere Bildband über besondere Frauen, geschrieben von besonderen Frauen für besondere Frauen (und natürlich auch für Männer).

Bildband: „Frauen schön und stark“
Autoren/Herausgeber: Petra Müller, Rainer Wieland
Seiten: 118
Verlag: Knesebeck
Erscheinungsjahr: 2009

Weiterführende Literatur

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