„Hass – La Haine“ – Filmkritik

Handlung

In den Vorstädten von Paris regiert ein Gefühl vor allen anderen: Der Hass. Hass auf die Politiker, die sich nicht um die heruntergekommenen Wohnhäuser, Straßen und Einrichtungen kümmern. Hass auf die bessergestellte Gesellschaft in der Innenstadt von Paris. Aber vor allem Hass auf die Polizei, mit denen sich die Jugendlichen erbitterte Straßenschlachten liefern. Für den Juden Vincent, den Schwarzen Hubert und den Araber Said gehört Gewalt, Korruption und Aggression zu ihrem Alltag. Nach einem weiteren Kampf gegen die Staatsgewalt liegt ihr Freund, Abdel, lebensgefährlich verletzt im Koma. Die kommenden 24 Stunden werden das gesamte Leben der drei Jugendlichen verändern.

Der gewaltbereite Vince scheint kurz davor zu stehen, die Polizisten mit einer gefundenen Waffe anzugreifen. Während die Jugendlichen randalierend durch die Innenstadt von Paris ziehen entwickelt sich zwischen dem vernünftigeren Hubert und Vince ein anhaltender Konflikt über den Gebrauch der Waffe. Auch der meist gut gelaunte Said kann nicht mehr zwischen den Beiden vermitteln. Die Situation scheint zu eskalieren, nachdem sie in der Nacht von dem Tod ihres Freundes Abdel erfahren. Nach einer weiteren Schikane der Polizei gegen Said und Hubert, Ruhestörung einer Vernissage und dem misslungenen Versuch, ein Auto zu klauen steht Vince nun kurz davor, tatsächlich von der Waffe gebrauch zu machen. Doch nach einer weiteren Prügelei mit einer Gruppe von Neonazis, während der Vince seine Freunde durch das hervorholen der 45er rettet, entwickelt sich die Situation in eine vollkommen andere Richtung als erwartet.

Meinung

Mathieu Kassovitz lässt seinen Film mit einer schwarzen Leinwand und den folgenden Worten beginnen: „Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock eines Hochhauses fällt. Und während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut. Doch wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“

Als Hass 1995 in den Kinos erschien herrschte in den Straßen von Paris das Chaos. Gleich zu Anfang werden dem Zuschauer original Aufnahmen von Kämpfen gegen die Polizei gezeigt. Alles in schwarz weiß, wie auch der Rest des Films. Eindringlich vermittelt der französische Regisseur so schon zu Beginn, dass dies keine Fiktion, sondern die brutale Wirklichkeit darstellt. Mag auch die Handlung erdacht sein, so spielen die Figuren doch sich selber, in einer realen Umgebung in einer noch realeren politischen Situation in der Banlieue von Paris.

Zudem basiert die Geschichte des im Koma liegenden Abdel auf einer wahren Begebenheit. 1992 wurde der achtzehnjährige Makomé Bowole bei einem Polizeiverhör durch einen Schuss in die Schläfe getötet, wonach die Unruhen eskalierten.

Der damals 28-jährige Mathieu Kassovitz veröffentlichte seine Meinung zu den Vorkommnissen in Paris auf seiner Website. „So sehr ich mich aus der Politik heraushalten möchte, so schwierig ist dies doch angesichts der Verdorbenheit der Politiker. Vor allem, wenn diese Verdorbenheit den Hass der ganzen Jugend auf sich zieht. Da fällt es mir schwer, die Randalierer nicht zu ermutigen.“

Im seinem Film schafft der junge Regisseur es, keine der beiden Seiten, weder die Polizei noch die Jugendlichen, als Gut oder Böse darzustellen. Die Dialoge und Szenen wirken nicht gestellt. Ganz im Gegenteil, die leicht pixligen schwarz weiß Aufnahmen und das auslassen von Musikunterlegung unterstreichen den dokumentarischen Charakter von Hass.

Vince, Hubert und Said sind authentisch wiedergegeben. Keine Effekthascherei steht hier im Vordergrund, sondern vielmehr der gelungene Versuch dem Zuschauer die trostlose, dunkle Alltagsstimmung der Jugendlichen zu vermitteln. Trotz der rauen Gespräche und Beschimpfungen hat der Film Momente der Leichtigkeit und der Sympathie für die drei Hauptcharaktere. Der Zuschauer beginnt zu verstehen, warum die Jugendlichen so aggressiv auf ihre Umgebung reagieren. Der immer wiederkehrender Werbespruch „Die Welt gehört euch!“ scheint sie geradezu zu verhöhnen.

Kassovitz will die Menschen außerhalb der Banlieue wachrütteln und auf die Missstände und Grausamkeiten in diesen Vierteln hinweisen. Oft fällt es den Menschen schwer sich der harten Realität zu stellen. Jedoch diejenigen, welche in diesen Vorstädten leben haben keine andere Wahl.

Angesichts der erneuten Unruhen 2005, die bis zum heutigen Zeitpunkt nicht an Aktualität verloren haben, sollte man Hass zu einem der wichtigsten Filme über die Lebensumstände der Vorstadtgesellschaft von Paris zählen. Wie Hubert bereits am Ende des Films sagte: „Dies ist die Geschichte eine Gesellschaft, die fällt.“ Wollen wir hoffen, dass die Richtigen Leute sich diese Geschichte zu Herzen nehmen, um den Fall zu beenden.

Ein ebenso erschütterndes wie auch aufrüttelndes Plädoyer über einen der größten sozialen Brennpunkte Westeuropas.

Vince: Vincent Cassel
Hubert: Hubert Koundé

Said: Said Taghmaoui

Regie: Mathieu Kassovitz | Frankreich, 1995

Länge: 93 min | FSK: ab 12 | Buch: Mathieu Kassovitz | Kamera: Pierre Aim | Szenenbild: Giuseppe Ponturo | Schnitt: Mathieu Kassovitz, Scott Stevenson | Musik: Assassin, Bob Marley, Frank Loesser | Produktion: Adeline Lecallier, Alain Rocca, Christophe Rossignon


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