„Alles über meine Mutter“ – Filmkritik

Handlung

Nach dem tragischen Unfalltod ihres achtzehnjährigen Sohnes Esteban kehrt Manuela nach Barcelona zurück, um den leiblichen Vater Estebans wieder zu finden. Auf den Spuren ihrer Vergangenheit trifft sie Menschen welche, wie Manuela, nach ihrer eigenen Identität suchen. Zusammen mit dem transsexuellen Agrado, der schwangeren Nonne Maria Rosa und der lesbischen Schauspielerin Huma Rojo findet Manuela nicht nur einen Weg aus ihrer Trauer, sondern ebenso eine Ersatzfamilie mit Menschen auf der Suche nach einer zweiten Chance.

Meinung

In dem screwball drama, als welches Pedro Almodovar sein Werk bezeichnet, thematisiert der Regisseur das erste Mal nach Live Flesh (1997) wieder eine heterosexuelle Familiengeschichte. Wie in vielen seiner Filme wird auch in Alles über meine Mutter die Eindeutigkeit dessen, was als männlich oder weiblich verstanden wird, in Frage gestellt.

Dem Regisseur geht es um die Verknüpfung von Geschlechtsidentitäten, um die Suche nach Authentizität in Bezug auf die eigene Persönlichkeit und um Unabhängig von dem nach heterosexuellen Normen bestimmten, angeborenen Geschlecht.

In La mala educacion (E2004) wie auch in Alles über meine Mutter werden Männerfiguren dargestellt, die sich chirurgischen Veränderungen unterzogen haben. Wie soll man diese biologischen Männer mit aufgebauten Brüsten und einem Penis entgegentreten? Sind sie noch Männer? Oder Frauen? Wie sehen sie sich selbst?

Agrado selber erlebt sich als Frau und wird in ihren Charakterzügen von Pedro Almodóvar auch sehr sozial und >mütterlich< dargestellt. Eigenschaften, die man im Allgemeinen dem Weiblichen zuordnet. Zugleich wird mit der Person Agrados die Diskussion um Authentizität in die Handlung eingeführt. In einer Szene beschreibt Agrado, wie sie (und ich benutze an dieser Stelle und den weiteren Ausführungen bewusst den weiblichen Terminus) versucht hat sich ihren Träumen in der Realität anzunähren. Auf einer Bühne stehend zählt sie dem Publikum die Kosten ihrer chirurgischen Eingriffe auf, die sie ihrem Traum ein Stück näher bringen sollten. Abschließend zieht Agrado folgendes Fazit:


„Was will ich eigentlich damit sagen? Es ist ziemlich teuer authentisch zu sein. Oh ja. Und in diesen Dingen sollten wir nicht knauserig sein. Wieso? Weil wir umso authentischer sind, je ähnlicher wir dem Traum werden, den wir von uns selbst haben.“

Bezüglich der Körper, Identitäten und Begehren changieren Pedro Almodóvars Geschlechter auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Den Kinozuschauer bringt die Tatsache durcheinander, dass gerade die Absenz bestimmter geschlechtlicher Definitionen eine ungeheure Präsenz schafft. Es ist niemals zu bestimmen mit welchen Geschlechtern wir es in Almodóvars Filmen wirklich zu tun haben.

Trotz des heiklen Themas vermittelt der Film eine gewisse Leichtigkeit und offenbart einen gewissen humoristischen Blick auf die Problematik der Geschlechterfindung.

Der Charakter des älteren Estebans wird bis gegen Ende der Handlung nur durch Erzählungen eingeführt, was das Interesse des Zuschauers gefangen hält. Der Film bedient kein gängiges Hollywoodpublikum, sondern regt zum Nachdenken an. Alles in allem abermals ein gelungenes Werk von Pedro Almodovar, dass selbst nach der letzten Sequenz den Diskurs nach der Frage von Geschlechter aufrechterhält:

„Für Bette Davis, Gena Rowlands, Romy Schneider …

Für alle Schauspielerinnen, die Schauspielerinnen gespielt haben,

für alle Frauen, die (schau) spielen,

für die Männer, die (schau) spielen

und zu Frauen werden,

für alle Menschen, die Mutter sein wollen.
Für meine Mutter.“

Esteban: Eloy Azorin
Lola/Esteban: Toni Canto
Manuela: Cecilia Roth
Agrado: Antonia San Juan
Maria Rosa: Penelope Cruz
Huma Rojo: Marisa Paredes

Regie: Pedro Almodóvar | Spanien, 1999

Länge: 105 Min. | FSK: ab 12 | Buch: Pedro Almodóvar | Kamera: Affonso Beato | Szenenbild: Antxón Gómez | Schnitt: José Salcedo | Musik: Alberto Iglesias | Produktion: Agustin Almodóvar, Michel Ruben

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