„Anleitung, um die Welt zu retten“ von Rosa Montero – Rezension

„Dies ist die Geschichte einer langen Nacht. Einer Nacht, die sich über mehrere Monate hinziehen sollte. An einem Spätnachmittag im November brach sie an.“ Mit diesen Worten leitet die Autorin Rosa Montero ihre Geschichte ein. Eine Geschichte voller Zufälle. Eine Geschichte voller Trauer und Wehmut. Eine Geschichte über vier unterschiedliche Personen, welche versuchen in einer Welt voller Ungerechtigkeit zu überleben. Eine Geschichte mit einer versteckten Anleitung, um die Welt zu retten.

Mein erster Gedanke beim Lesen des Klappentextes von Anleitung, um die Welt zu retten war, dass es sich hier um einen Roman a lá Nick Hornby (A long way down) handelt. Vier verzweifelte Charaktere treffen sich durch Zufall, lernen sich kennen und gewinnen durch ihre Freundschaft die Lebensfreude zurück. Doch bereits nach den ersten Seiten befiehl mich diesbezüglich ein Zweifel, welcher spätestens ab Seite 50 zur Sicherheit wurde. Nein, dies war kein beschwingter Roman mit ironischem Unterton und aufbauenden Statements. Dies war die Darstellung der dunklen Seiten des Lebens par excellent.

Sterben ist harte Arbeit!

Madrid. Neuzeit. Es ist ein ungewöhnlich warmer Winter. Doch während der Beerdigung von Matías´s Frau Rita war es kalt. Rita ist das Licht in Matías Leben gewesen. Jetzt war es dunkel. Und es würde für ihn nie wieder hell werden ohne seine große Liebe.
Rosa Montero führt den Leser über die Figur von dem Taxifahrer Matías in den Roman ein. Seine Frau ist an Krebs gestorben und Matías zieht sich vollkommen zurück. Er arbeitet nur noch Nachts und wohnt in einem Rohbau ohne Möbel. Die Melancholie wird auf jeder Seite greifbarer.
In dem Krankenhaus, in welchem Rita gestorben ist, arbeitet der Arzt Daniel. Sowohl für seine Arbeit wie auch in seiner Ehe empfindet er nichts mehr. Daniel betäubt sich mit Alkohol und flüchtet in die virtuelle Welt des „Second Life“.

Das Gesetz der Serie

Die Spanierin Montero setzt eine allwissende Erzählerperspektive ein. Wie ein Geschichtenerzähler offenbart sie dem Leser die Gedankenwelt jeder einzelnen Figur. Dabei verwendet sie eine Handvoll wissenschaftlicher Thesen als grundlegende Themen ihres Romans. Diese erklärt Montero dem Leser mithilfe des Charakters der Professorin mit verständlichen Worten. Die Hauptaussage, um welche Monteros Geschichte aufgebaut ist, besteht aus zwei Thesen. Zum einen aus dem „Gesetz der Serie“ und zum anderen aus der „Ordnung der Welt“. Das kennen lernen der Protagonisten untereinander richtet sich z.B. nach dem „Gesetz der Serie“, oder auch Zufallstheorie genannt. Zufälle treten meist nicht alleine auf, sondern wiederholen sich. So fragt man sich oft, ob dass wirklich ein Zufall war. Manche reden dann auch von Schicksal. Hier kommt die zweite Theorie ins Spiel. Laut einem Wissenschaftler namens James Lovelock gibt es eine „Ordnung der Welt“. Einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass, wenn einem Menschen etwas schlechtes widerfährt, muss irgendwo wieder etwas gutes passieren, um das Schlechte auszugleichen.

„Das Universum tendiert zur Entropie [Unordnung], aber das Leben schafft immer Ordnung.“ (S.88)

In der Geschichte folgt ein Zufall dem anderen. Es ist ein Zufall, dass Matías in der Bar neben der Professorin sitzt. Es ist ein Zufall, dass er Daniel im Krankenhaus als den Arzt wider erkennt, welcher angeblich Schuld am Tod von Rita haben soll. Und es ist ein Zufall, dass Matías die afrikanische Prostituierte Fatma kennen lernt, welche wiederum schon Bekanntschaft mit Daniel gemacht hat.

Verworren? Ja. Unauflösbar? Nein. Denn trotz einiger formalen Mängel im Aufbau der Geschichte, lässt Montero den Leser an den Gefühlen der Protagonisten teilhaben und führt ihn geschickt durch ihre verworrene Welt der Zufälle.

Lerne die Einfachheit der Dinge schätzen

Bei einigen Passagen saß ich stocksteif auf dem Sofa und musste meine Augen immer wieder über die selbe Textstelle gleiten lassen. Obwohl ich die beschriebenen Grausamkeiten eigentlich lieber sofort wieder vergessen hätte.

„Ich [Fatma] war zehn, als die Guerillakämpfer der Revolutionären Vereinigten Front in mein Dorf kamen und mich mitnahmen. Sie haben mich jeden Tag gefickt. Es waren viele. Das war ein Scheißleben“. (S.91).

Ich möchte bemerken, dass diese Stelle noch eine der harmloseren ist. Doch anhand von Fatmas Charakter wird dem Leser gezeigt, wie viel Wert die einfachen Dinge im Leben haben können. Noch alle Gliedmaßen zu besitzen. Etwas zu Essen zu haben. Oder ganz einfach nur am Leben zu sein.

Dies wird auch der ehemaligen Professorin klar, welche sich jede Nacht betrinkt um zu vergessen. Denn eigentlich hatte sie gedacht, dass ihr das Leben nicht mehr wichtig sei. Doch nach einem einschneidenden Erlebnis mit jugendlichen Randalierern stellt die Professorin überrascht fest, dass sich doch noch ein Funken Lebenslust in ihr vergraben hat.

Schlussendlich geht es Montero darum dem Leser zu vermitteln, dass man immer an das Gute glauben soll. Egal wie tief man am Boden liegt. Ein Zitat von dem Autor Shlomit Levin deutet dies schon am Anfang des Romans an:

„Wenn du keine Tränen mehr hast, hör auf zu weinen, lache.“ (S.88)

Zum Schluss bleibt nur die Realität

„Und sie lebten glücklich und zufrieden….“. Wer möchte nicht dieses märchenhafte Ende in seinem Leben haben? Aber mal ganz ehrlich, wie oft gibt es das schon? Rosa Montero bleibt in ihrem Roman bis zum Ende realistisch. Nicht immer gibt es ein Happy End. Nicht jeder bekommt seine/n Traumprinzen/-prinzessin. Doch manchmal hat man `Glück` und der `Zufall` will es, dass man doch noch ein lebenswertes Leben führen darf.

Ein Roman mit Ecken und Kanten, wie das Leben selbst.

Paperback: „Anleitung, um die Welt zu retten“
Autor: Rosa Montero
Seiten: 269
Verlag: Bastei Lübbe

Weiterführende Literatur


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