„Die Päpstin Johanna – Biographie einer Legende“ von Max Kerner und Klaus Herbers – Rezension

Nicht erst seit dem Roman Die Päpstin von Donna W. Cross ist das Thema der Päpstin Johanna in aller Munde. Diese „Legende“, wie es in dem Werk Die Päpstin Johanna – Biographie einer Legende der Autoren Max Kerner und Klaus Herbers heißt, existiert laut Überlieferung bereits seit dem 9. Jahrhundert. Eine junge Frau soll es geschafft haben Oberhaupt der katholischen Kirche zu werden. Ein Skandal für die einen, eine bewundernswerte Tat einer mutigen Frau für die anderen.

„[…]Diese [die Päpstin] wurde aufgrund ihrer großen Begabung Notar an der Kurie, danach Kardinal und schließlich Papst. Als sie eines Tages ihr Pferd besteigen wollte, brachte sie einen Knaben zur Welt und wurde sogleich nach römischen Recht (Romana iusticia) mit an den Schweif eines Pferdes gebundenen Füßen eine halbe Meile (per dimidam leugam) geschleift und vom Volk gesteinigt. Dort, wo sie starb, wurde sie auch begraben; am gleichen Ort steht geschrieben: Petrus, Vater der Väter, du sollst die Niederkunft der Päpstin bekunden. […]“ (Erste historische Notiz zu der Päpstin, von Jean de Mailly in seiner Universalchronik über die Papst-, Reichs- und Frankreichgeschichte, Mitte des 13. Jahrhunderts)

Schon in der Einleitung stellen die Professoren klar, dass sie die Figur der Johanna nicht „entmythologisieren“ wollen. Nein, sie wollen lediglich der „interessierten Öffentlichkeit“ die Untersuchungen zu der Legende um die Päpstin Johanna näher bringen. Deswegen haben sie auch bewusst die wissenschaftlichen Anekdoten kleingehalten. Schauen wir, ob ihnen dies gelungen ist.

Fiktive oder historische Figur?


Obwohl Johannas mehrjährige Amtszeit von zahlreichen Autoren im 9. Jahrhundert angesiedelt worden ist, finden sich die ersten schriftlichen Notizen erst Mitte des 13. Jahrhunderts. Vorher wurde die Geschichte eines weiblichen Papstes nur mündlich verbreitet. Die am meisten verbreitete schriftliche Version vom Leben und Wirken Johannas entstand 1277. Der Dominikaner Martin von Troppau berichtete in seiner Papst- und Kaiserchronik von einem jungen Mädchen, welches nach Papst Leo IV als Johannes Anglicus aus Mainz für zwei Jahre, sieben Monate und vier Tage den Papststuhl innehatte. Im Laufe der Jahrhunderte bekam Johanna viele Namen: Johannes Anglicus, Jutta, Gilberta, Agnes oder Glancia. Bis in die Neuzeit wurde die Erzählung von einem weiblichen Papst als abschreckendes Beispiel einer fehlgeleiteten Frau in kirchenpolitische Diskussionen verwendet. Die Protestanten nutzten die Figur der Päpstin, um der katholischen Kirche, den Kardinälen, Fehlbarkeit nachzuweisen. Ihnen wäre „[…] buchstäblich alles – sogar die Wahl des Teufels – zuzutrauen[…]„. Denn was konnte eine Frau auf dem Papstthron anderes sein, als eine vom Teufel eingesetzte Marionette? Viele Gelehrte haben versucht der Historizität der Päpstin auf den Grund zu gehen. Zu den Bekanntesten auf der katholischen Seite gehört, laut der Autorin Elisabeth Gössmann, der Jesuit Robert Bellarmin (1542 – 1621). So oft die mittelalterlichen Texte analysiert worden, so oft sind die Begründungen für die Existenz einer Päpstin auch widerlegt worden. Und doch gibt es bis heute Anhänger der „Legende“ um einen weiblichen Papst.

Auch für Laienhistoriker verständlich

Max Kerner, Professor für Mittlere und neue Geschichte an der RWTH Aachen, und Klaus Herbers, Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Erlangen – Nürnberg, fassen alle bis heute festgehaltenen Notizen und Untersuchungen in sechs Kapiteln zusammen. Positiv zu erwähnen ist die Einfachheit des Schreibstils Kerners. Laien auf dem Gebiet der Geschichte müssen sich nicht mit einem Wörterbuch bewaffnet an den Text setzen. Einzelne Fachbegriffe werden kurz erklärt. Auch der berühmte rote Faden ist erkennbar. Bereits in der Einleitung verweisen die Autoren auf die Aufteilung der Kapitel (Kerner: I, III und V; Herbers: II, IV und VI).

Auch innerhalb der Kapitel gibt es immer wieder Querverweise, so dass der Leser genau weiß, was ihn noch zu erwarten hat und wo er ggf. noch einmal nachlesen kann. Im ersten Kapitel findet Max Kerner einen gekonnten Einstieg für das „Massenpublikum“. Über die gleichnamige Verfilmung des Romans Die Päpstin führt er den Leser an das Thema heran. Die von Donna W. Cross aufgeführten Gründe für die Existenz einer Päpstin erläutert er verständlich und widerlegt sie gleichzeitig.

Klaus Herbers Schreibstil ist deutlich wissenschaftlicher gehalten, als der von Max Kerner. Dem Leser begegnen hier auch mehr Namen und Jahreszahlen. Oft sind die geschichtlichen Anekdoten hilfreich und ergeben auch für Laienleser einen Sinn. Einige Passagen in den späteren Kapiteln greifen jedoch gelegentlich etwas zu weit aus. Was für Historiker eine Notwendigkeit sein wird, ist für das breite Publikum zum Teil eher ermüdend.

Nichtsdestotrotz erklärt Herbers im zweiten Kapitel verständlich, weshalb viele Autoren Johannas Amtszeit im 9. Jahrhundert angesiedelt haben. Nach Herbers Befunden bieten die historischen Aufzeichnungen des Jahrhunderts, wenn auch teilweise etwas lückenhaft geführt, keinen Platz für ein mehrjähriges Pontifikat Johannas.

Brauchen wir eine Päpstin?


In den folgenden drei Kapiteln beschäftigen sich die Autoren mit den geschichtlichen Überlieferungen der Figur der Johanna. Wie, wo und wann wurde das Leben eines weiblichen Papstes festgehalten? Und welche Gründe gab es für das ständige Wiederaufleben dieser Geschichte? Von Jean de Mailly (Mitte des 13. Jahrhunderts) über den italienischen Dichter Bocaccio bis hin zu der neuzeitlichen Spottsatire des griechischen Kulturkritikers Emmanuil Roidis entwerfen Herbers und Kerner ein detailliertes Bild einer Frau die, ob real oder nicht, seit 12 Jahrhunderten Aufruhr in Kirche und Gesellschaft gebracht hat.

„Die historische Forschung sieht die Päpstin als eine legendäre Figur, die Frauenbewegung als einen geschichtlich nachweisbaren weiblichen Papst. Ob nun die Päpstin existiert hat oder nicht – ihre Geschichte lebt und hat eine eigene Biographie hervorgebracht, eine vielgestaltige und farbenreiche Lebensgeschichte, die danach fragen lässt, ob und wenn ja, warum wir die Päpstin brauchen.“ (Die Päpstin Johanna, S. 135)

Fazit


Kapitel sechs dient Herbers hauptsächlich dazu, die gesammelten Erkenntnisse  zusammenzufassen und ein Fazit zu ziehen. So tue ich das an dieser Stelle ebenfalls. Die vorangegangene Prämisse der Autoren, ein wissenschaftliches Thema einem breiten Publikum zugänglich machen zu wollen, ist vielleicht nicht auf jeder Seite erfüllt worden. Aber im Großen und Ganzen ist hier ein gut lesbares Werk entstanden. Leser ohne Vorkenntnisse zur Geschichte Johannas werden in die Geschichte eingeführt. Wenn es doch mal zu wissenschaftlich wird ist es nicht weiter schlimm, eine Passage mit Jahreszahlen und Namen nicht vollständig aufzunehmen. Der Kontext wird trotzdem ersichtlich.

Abschließend stellen Herbers und Kerner fest, dass es nach ihren Erkenntnissen keine Päpstin gegeben haben kann. Aber welche Gründe auch immer die Menschheit dafür hat den „Mythos“ um eine Päpstin aufrechtzuerhalten, die Autoren sind sich darüber einig das Mythen in jeglicher Form für Menschen wichtig sind. Um es mit ihren Worten abzuschließen: „Hoch lebe der Mythos der Päpstin Johanna!„.

Taschenbuch: „Die Päpstin Johanna: Biographie einer Legende
Autoren: Max Kerner, Klaus Herbers
Seiten: 173
Verlag: Herder
Erscheinungsjahr: 2011

Weiterführende Literatur


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