„Nackt“ – Filmkritik

Handlung

Johnny befindet sich, mal wieder, in Schwierigkeiten. Der zynische Straßenphilosoph ist auf der Flucht aus Manchester, wo er sich nach einem Date an einer Frau vergangen hat, und kommt bei seiner Bodenständigen Ex-Freundin Louise, in London, unter. Diese ist nicht begeistert den heruntergekommenen, mittellosen Johnny zu sehen. Johnny hingegen revangiert sich bei Louise, indem er sie ein wenig an seinem Welthass teilhaben lässt – er schläft mit ihrer Mitbewohnerin Sophie, welche wiederum ihr chaotisches Leben mit wechselten Sexualpartnern zu kompensieren sucht. So stürzt sich der Egozentriker in das Londoner Nachtleben und taumelt dabei von einer skurrilen Situation in die Nächste. Sei es der Rundgang mit dem sich missverstanden gefühlten, alternden Nachtwächter, das kurze, sexuelle Intermezzo mit einer alleinstehenden und nach Zuwendung hungernden Mitvierzigerin oder auch die Rundfahrt mit einem Plakatierer, welcher Johnny auch noch das letzte Eigentum stiehlt. Johnny scheint von den gescheiterten Gestalten angezogen zu werden, wie die sprichwörtliche Motte vom Licht.

Am Ende kehrt er, verprügelt und noch ruinierter als zu Anfang, zurück zu Louise. Diese könnte sich inzwischen sogar wieder eine Beziehung mit Johnny vorstellen und ist bereit, ihm zu Helfen wieder auf die Beine zu kommen. Einen kurzen Augenblick lang scheint Johnny sein unstetes Leben und seine Beziehungsängste überwunden zu haben. Doch in letzter Sekunde siegt sein alter Ego und treibt ihn wieder hinaus ins Ungewisse.

Meinung

„Kannst du mir folgen?“ Immer und immer wieder ist dies der Satz, welcher der Zuschauer von dem Protagonisten Johnny zu hören bekommt. Und sicher ist er nicht nur an den Diskussionspartner im Film gerichtet. Auch der Zuschauer muss mehr als einmal in sich gehen um zu sehen, ob er Johnny wirklich folgen kann.

Mike Leigh, wohl einer der bekanntesten britischen Regisseure der letzten Jahrzehnte, schuf mit Nackt ein Meisterwerk der Melancholie und Selbstkasteiung. Fast körperlich kann man das Leid seiner Figuren erfahren und möchte sich so manches Mal vor Scham abwenden.

Der ehemalige Theaterautor Mike Leigh beschwört in seinen Filmen eine greifbare Trostlosigkeit herauf, wie auch in seinen Dramen Life is sweet von 1991 und Lügen und Geheimnisse (1996).

„Ich treffe in meinen Filmen keine moralischen Urteile, ich ziehe keine Schlüsse. Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten. Ich weigere mich, Antworten zu geben, denn ich kenne die Antworten nicht.“

Die Handlung könnte von manch einem als banal bezeichnet werden, doch tut dies dem Gesamtwerk keinen Abbruch. Der Film lebt von der in ihm erzeugten Stimmung. Leigh ermöglicht es dem Zuschauer als Beobachter in die dunkelsten Ecken der nächtlichen Großstadt einzutauchen und die Kämpfe um Selbstachtung, wie auch die fast grenzenlose Sehnsucht nach Nähe, und sei es nur ein One-Night-Stand, mitzuerleben. Dabei gelingt es ihm mal wieder eine Achterbahn der Gefühle ohne das geringste Urteil oder Sentimentalität zu inszenieren.

Ein weiteres Merkmal für Leighs Produktionen sind die ausgeklügelten Handlungsstränge. In Nackt wird der Zuschauer, parallel zu Johnnys Geschichte, mit dem durchgeknallten Yuppie Jeremy konfrontiert. Dieser nistet sich ungefragt bei Louise und Sophie ein und ergötzt sich am Leid der Anderen. Man kann in als Gegenpart zu dem existentiell Gebeutelten Johnny sehen, wobei die beiden Figuren durchaus auch einige Eigenschaften, wie die Unfähigkeit Gefühle zuzulassen, miteinander gemein haben.

Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1993 erhielt der Film die Auszeichnung für den besten Darsteller, David Thewlis, und den Besten Regisseur. Hinzu kommen Nominierungen für einen BAFTA Award und den Independent Spirit Award, sowie u.a. 1994 eine Auszeichnung beim Toronto International Filmfestival.

Eine rabenschwarze Darstellung sozialer Missstände, mit bedrückenden, ausdrucksstarken Bildern und aufwühlenden Charakteren.

Odyssee durch die Tiefen der menschlichen Psyche.

Johnny: David Thewlis
Louise Clancy: Lesley Sharp
Sophie: Katrin Cartlidge

Regie: Mike Leigh | GB 1993

Länge: 132 Min. | FSK: ab 16 | Buch: Mike Leigh | Kamera: Dick Pope | Schnitt: John Gregory | Musik: Andrew Dickson | Produktion: Simmon Channing-Williams

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