„Whale Rider“ – Filmkritik

Handlung

Bereits seit Jahrhunderten ist es bei den Ureinwohnern Neuseelands Tradition, dass ein männlicher Nachfahre des ersten Maori, Paikea, nach diesem benannt wird, um den Platz des Stammesoberhauptes einzunehmen. Nach vielen Jahren wird es nun Zeit für einen neuen Anführer. Doch während der schweren Geburt stirbt der Hoffnungsträger. Seine Zwillingsschwester überlebt. Gegen den Willen des Stammesführers und Großvaters Koro, erhält das Mädchen den Namen des Urahnen. Als 12-jährige kämpft Pai(kea) gegen die männlich tradierten Rituale des Stammes und ringt um die Anerkennung ihres Großvaters. Bis es zu einem Unglück kommt, welches alles verändert.

Pai bittet durch ihren Gesang die Urahnen um Hilfe, damit sie ihren Großvater in seiner Aufgabe, einen neuen Stammesführer zu finden, unterstützen mögen. Kurz darauf strandet eine Walherde am Strand vor ihrem Dorf. Koro schiebt die Schuld hierfür auf Pai, da sie als Mädchen nicht das Recht gehabt hätte die Ahnen anzurufen. Um ihre vermeintliche Schuld zu bereinigen und ihrem geliebten Großvater zu helfen setzt sich Pai auf den größten der Wale und reitet mit diesem hinaus aufs Meer. Der Rest der Herde folgt ihrem Anführer und wird auf diese Weise gerettet.

Meinung

Basierend auf dem Roman des Neuseeländers Witi Ihimaera erschuf Regisseurin und Drehbuchautorin Niki Caro einen bewegenden Film mit kraftvollen Bildern und einnehmender Musik. Für die aus Neuseeland stammende Caro ist Whale Rider nach ihrem Debüt von 1998, Memory and Desire, ihr erstes großes Projekt. Im Jahre 2005 erschien der von ihr ebenfalls grandios inszenierte Spielfilm Kaltes Land.

Die Legende von Paikea, dem ersten Maori, welcher auf einem Wal nach Neuseeland geritten kam, existiert bereits seit über tausend Jahren an der Ostküste Neuseelands. Das erstaunliche an dem Film ist, dass er es geschafft hat eine internationale Resonanz hervorzurufen.

In der Produktion, welche die erste war die mit Mitteln aus dem New Zealand Film Production Fund realisierte wurde, geht es um die Rolle der Frau in einer männerdominierten Gesellschaft und um die Suche eines Mädchens nach Selbstbehauptung gegenüber ihrem traditionell eingestellten Großvater. Dieser wird hervorragend verkörpert von Rawiri Paratene, auch bekannt aus dem Spielfilm Rapa Nui von Kevin Costner als ausführender Produzent.

Allen voran brilliert die junge Schauspielerin Keisha Castle-Hughes in ihrer Rolle als Pai. Entdeckt von Casting-Chefin Diana Rowan, die 1993 bereits Anna Paquin für den ebenfalls auf Neuseeland gedrehten Film Das Piano gecastet hatte, stach das Mädchen aus über 10 000 Bewerberinnen heraus.

Ihre Leistung zeichnet sich durch ein unglaubliches Einfühlungsvermögen in ihre Rolle, eine Tiefe und Emotionalität aus, die man sich bei einer damals elfjährigen kaum Vorstellen kann.

Eine der bewegensten Szenen des Films vereint sämtliche der Elemente, die diese Produktion als eine der hervorragendsten der letzten Jahre auszeichnet. Wohl kaum ein Zuschauer wird unberührt bleiben wenn Pai auf den Wal steigt, um ihn hinaus aufs Meer zu begleiten. Die Kamera fängt kleine Details wie die Pocken auf der Haut des Wals, über die tastenden Hände Pais bis hin zu ihrem tieftraurigem Mimenspiel ebenso gekonnt ein wie die Panoramaansicht des aufgewühlten Meeres und den am Strand zurückbleibenden Ortsbewohnern. Untermalt wird die Szene von fast schon als meditativ zu bezeichnenden Klängen.

Positiv hervorzuheben ist ebenfalls die Bemühung um Authentizität. Als Drehort wurde Whangara, der Original Schauplatz des Romans gewählt. Viele Nebendarsteller und Komparsen sind Ortsbewohner ohne Schauspielerfahrung, die mit der Legende um Paikea aufgewachsen sind. In jeder einzelnen Szene des Films ist die intensive Auseinandersetzung mit den Traditionen und Werten der Maoris präsent.

Last but not least trägt die grandiose Musik von Lisa Gerrard, auch bekannt für ihre Musik aus dem Monumentalfilm Gladiator, dazu bei den Zuschauer für 100 Minuten in die mystische Welt der Ureinwohner Neuseelands zu entführen. Die Klänge erinnern an das Rauschen des Meeres und den Gesang der Wale. Die Stimme der aus ihrer früheren Band Dead can dance bekannten Sängerin ist leider nur an wenigen Stellen zu hören, was das Gesamtwerk jedoch nicht beeinträchtig. Sehr authentisch sind auch die beiden letzten Tracks, welche mit Maori Gesängen unterlegt sind.

Ein Film für welchen man Zeit und Ruhe benötigt, um sich von den berauschenden Bildern davon tragen zu lassen.

Ein tiefgründiges Meer aus ergreifenden Impressionen.

Pai(kea): Keisha Castle-Hughes

Großvater: Rawiri Paratene

Regie: Niki Caro | Neuseeland, 2002

Länge: 101 Min. | FSK: ab 6 | Buch: Niki Caro | Kamera: Leon Narbey | Szenenbild: Grant Major | Schnitt: David Coulson | Musik: Lisa Gerrard | Produktion: Tim Sanders, John Barnett, Frank Hübner

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