„Sehnsucht der Frauen“ – Filmkritik

Handlung

Die vier Schwägerinnen Rachel, Märta, Anita und Karin verbringen zusammen ihre Ferien auf den schwedischen Schären. Während sie auf die Ankunft ihrer Männer warten beginnen sie sich Geschichten über ihre Beziehungen zu erzählen. Schnell wird deutlich das der äußere Schein von Glück und Harmonie trügt.

Anita gibt den Anstoß und berichtet kurz von der Entfremdung zwischen sich und ihrem Mann Paul. Die Ehe sei jeden Tag derselbe Trott, man kenne sich eigentlich kaum mehr.

Dies zum Anlass nehmend beichtet Rachel eine kurze Affäre mit ihrer Jugendliebe Kaj, nach deren Offenbarung Rachels Mann Eugen Selbstmord begehen will.

Märta berichtet davon wie sie während der Geburt ihrer Tochter Bilder und Erinnerungsfetzen an sich vorbei ziehen sah. Wie sie ihren Mann, den Künstler Martin aus wohlhabendem Hause, in Paris kennen gelernte und sie nach einer unfreiwilligen Trennung erst viel später wieder zusammenfanden.

Karin hingegen erheitert die Runde mit einer lustigen Geschichte darüber, wie sie mit ihrem pedantischen Mann Frederik in einem Fahrstuhl stecken blieb und sie dort das wahrscheinlich offenste Gespräch in ihrer dreizehnjährigen Ehe führten.

Am Ende dieser Erzählungen flieht Märtas siebzehnjährige Schwester Maj mit ihrem Freund, um fern ab jeglicher Bourgeoisie ein gemeinsames Leben zu beginnen.

Meinung

Sehnsucht der Frauen ist Ingmar Bergmanns wohl kommerziellstes Projekt. Nachdem die schwedischen Filmateliers aus Protest gegen zu hohe Vergnügungssteuern 1951 ´Filmstopps´ eingelegt hatten, wurde Bergmann im März 1952 von der Svensk Filmindustrie beauftragt einen publikumswirksamen Film zu produzieren.

Der Episodenfilm baut auf ein Bühnenstück Bergmanns von 1946 mit dem Titel Rachel und der Kinokontrolleur auf. Die erste Episode um Rachel bezieht sich direkt auf dieses Theaterstück. Die Frage nach einer Moral steht im Raum. Ob es moralisch zu vereinbaren sei seinen Mann zu betrügen. Kaj beantwortet dies schlechthin mit einem: „Man muss sie herausoperieren die Moral, aus dem Bauch.“ Dies weist bereits die Richtung auf, in welche Bergmann in seinen späteren Filmen, wie Szenen einer Ehe von 1973, gehen wird. Der „weiße Clown“ wie er oft in den Medien betitelt wurde, weil er es verstand das Komische mit dem Tragischen, das Leben mit dem Tod zu verbinden, stellte in seinen Filmen immer wieder die Bourgeoisie an den Pranger, den christlichen Glauben in Frage und war auf der existentialistischen Suche nach dem Sinn des Lebens.

Die zweite Episode um Märta kommt weitestgehend ohne Dialoge aus und besticht mit geradezu verträumten Aufnahmen von Frankreichs Hauptstadt.

Letztendlich dreht es sich hier wie in jeder einzelnen der Geschichten um eines der Lieblingsthemen von Bergmann: um die Liebe. Die Liebe, welche meist nicht nachvollziehbar und absolut unlogisch daherkommt. Die Liebe, welche jegliche weitere Nachfrage nach dem ´warum?´ im Winde verweht. Wenn Maj ihre Schwester fragt, warum sie Martin nach all den Strapazen und Ärgernissen geheiratet hat, warum sie ihre bereits gewonnene Eigenständigkeit aufgegeben hat, antwortet diese schlicht: „Weil ich ihn liebe.“

In der letzten der drei Erzählungen versucht sich Bergmann an einer Komödie, was ihm durchaus gelungen ist. Die Szene in dem stecken gebliebenen Aufzug entwickelt sich zu einem illustren Dialog zwischen Karin und ihrem Mann Frederik, welcher für die Stunden in ´Gefangenschaft´ seine Distanziertheit nach und nach fallen lässt und zum Schluss mit seiner Frau schläft. Doch aus dem Aufzug befreit und zurück in der Wirklichkeit sind alle Versprechungen eines freien Tages vergessen und der Alltag kehrt wieder ein.

Dieses Ende entspricht fast schon der Moral des Films. Ob die Frauen von etwas lustigem, etwas tragischem oder von einer Romanze berichten, der Schluss ist bei allen derselbe. Sie kehren zurück in die nüchterne Realität und versuchen aus ihrem Leben das beste zu machen. Selbst das scheinbare Happy End von Maj und ihrem Freund wird jäh unterbrochen. Märta will ihre Schwester zurückhalten, doch Anitas Mann Paul winkt nur ab und sagt: „Wichtig ist nur, dass sie etwas tun, von dem sie glauben, dass es verboten ist… Lasst ihnen ihren Sommer. Die Wunden und die Weisheit werden schnell genug kommen.“

Obwohl „Sehnsucht der Frauen“ weithin als Komödie bezeichnet wird, hat er ebenso einen tragischen Charakter. Die Frauen fügen sich in ihre Rollen und dies ist als durchaus tragisch anzusehen, ob sie es nun mit oder ohne Humor nehmen. Bergmann ist dieses Porträt von vier Frauen in den 50er Jahren einfühlsam und realitätsnah gelungen.

Ebenso für Bergmann Fans wie auch für Feministinnen.

Rachel: Anita Björk
Märta: Maj-Britt Nilsson
Anita: Aino Taube
Karin: Eva Dahlbeck
Paul: Hakan Westergren

Kaj: Jarl Kulle
Eugen: Karl-Arne Holmsten
Martin: Birger Malmsten
Frederik: Gunnar Björnstrand
Maj: Gerd Andersson

Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1952

Länge: 104 min | FSK: ab 12 | Buch: Ingmar Bergman, Gun Grut | Kamera: Gunnar Fischer | Szenenbild: Nils Svenwall | Schnitt: Oscar Rosander | Musik: Erik Nordgren | Produktion: Allan Ekelund

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