„Interview“ – Filmkritik

Handlung

Der Journalist Pierre Peders sieht sich eigentlich als seriöser Politberichterstatter. Als sein Redakteur ihn während eines Skandals in Washington zu einem Interview mit dem B-Movie Star und Serienschauspielerin Katya nach New York schickt, ist Pierre äußerst verärgert darüber. Katya erscheint mit über einer Stunde Verspätung zu dem Interview, was Pierre noch mehr Grund gibt sie vollkommen unvorbereitet mit banalen und mürrischen Fragen zu attackieren. Katya, welche auf den ersten Blick oberflächlich erscheinen mag, kontert auf jede Frage. Doch schon nach kurzer Zeit bricht sie das Interview ab und macht sich auf den Weg zu ihrem Loft.

Wie es der Zufall will zieht sich Pierre bei dem Zusammenstoß seines Taxis mit einem Laster eine Kopfverletzung zu – direkt neben Katyas Loft. Diese nimmt ihn mit zu sich um ihn zu verarzten. Pierre und Katya setzen ihren verbalen Kampf fort, wobei sich herausstellt, dass mehr hinter der jungen Schauspielerin steckt, als nur ein hübsches Gesicht.

Neben den Versuchen das Interview zerstückelt fortzusetzen folgt ein seelischer Tiefschlag nach dem Anderen. Sowohl Katya wie auch Pierre versuchen sich gegenseitig mit allen Tricks die dunkelsten Geheimnisse zu entlocken. Blitzschnell wird zwischen Angriff und Annäherung, zwischen Rauswurf, Beschimpfungen und dann wieder Verführungsversuchen hin und her geschaltet.

In den folgenden Nachtstunden entwickelt sich zwischen den Beiden eine perfide Beziehung, welche aus einem Netz von ineinander verwobenen Lügen und Wahrheiten gesponnen wird. Man kann sich nie sicher sein, was Schauspiel und was die Wirklichkeit ist.

Bis Pierre den Loft wieder verlässt und Katya ihre Karten auf den Tisch legt.

 

Meinung

Bei der Frage nach Realität und Fiktion, nach Wahrheit und Lüge steht im 21. Jahrhundert unwillkürlich das Medium Film im Raum. In Interview dreht es sich ebenso um die Frage nach der Beziehung zwischen Reporter zu Schauspieler, also zwischen der Seriösen und der erdachten „unseriösen“ Figur, wie auch um das Zusammenkommen von zwei grundverschiedenen Menschen.

Steve Buscemis Remake von Theo van Gogh´s gleichnamigen Film aus dem Jahre 2003 versteht sich als eine Hommage an den niederländischen Regisseur, welcher 2004 von islamischen Fundamentalisten auf offener Straße ermordet wurde. Im Film schreibt Katya auf ein Autogramm, um welches sie im Restaurant gebeten wird, „Für Theo“.  Zudem steht in ihrem Loft ein Foto, auf welchem Theo van Gogh mit Katja Schuurman zu sehen ist, die im Original die Rolle der Katya gespielt hat.

Der Regisseur Steve Buscemi ist bisher eher als Schauspieler bekannt geworden. In über 90 Rollen war er bisher sowohl in Spielfilmen wie auch in Serien zu sehen. Seinen Durchbruch schaffte er mit Quentin Tarantinos Debütfilm Reservoir Dogs – Wilde Hunde von 1992. Bereits seit 2001 arbeitet Buscemi in der US-Serie Die Sopranos als Regisseur mit.

In Interview meistert er die Gradwanderung zwischen Regisseur und Schauspieler mit Bravour.

Die Handlung spielt zu zwei Dritteln in Katyas Loft. Für das Szenenbild bedeutete dies, dass in diesen einen großen Raum viel Abwechslung hineingebracht werden musste, damit dem Zuschauer niemals langweilig wird. Das ist Loren Weeks gelungen. Keine Ecke in dem Raum ähnelt der Anderen. Der Schlafbereich von Katya birgt eine vollkommen andere Atmosphäre als der Teil des Raumes, in dem sich beispielsweise die Hängematte befindet. Überall gibt es etwas neues zu entdecken.

Was jedoch noch viel wichtiger ist; der große Dialog zwischen Pierre und Katya, welcher den Film beherrscht, gleitet niemals in Nonsens ab.

Sienna Miller verkörpert die Rolle der undurchsichtigen Katya perfekt und steht ihrem erfahrenen Schauspielkollegen in nichts nach. Niemals scheint das Katz und Maus Spiel zwischen Pierre und Katya zusammenhanglos. Geschickt manövriert Regisseur Steve Buscemi durch das Chaos aus Gefühlen. Mal offenbaren die Protagonisten dunkle Geheimnisse, scheinen sich einander anzunähren, dann wieder, von der einen Sekunde zur anderen, greifen sie einander an und stoßen sich weg. Es ist faszinieren zu beobachten wie das Gespräch von Politik zu Serienrollen, vom Jugoslawienkritik zu Katyas Brüsten wechselt. Zwischendurch immer wieder Verführungsversuche und psychologische Anspielungen auf eine verdrehte Vater-Tochter-Beziehung.

Die Figuren erreichen dabei eine Intimität, zu der viele Paare nach Jahrelanger Beziehung nicht fähig sind.

Bis zum Schluss werden die wahren Absichten der Charaktere nicht offenbart und so bleibt die Spannung bis dahin erhalten. Zudem spielt das gesamte Drama hintergründig auf die Sensationsgeilheit der Medien an was einen zusätzlichen Reiz bei der Interpretation der Dialoge ausmacht.

Ein gelungenes Intrigenspiel mit Sinn und Verstand.

Pierre Peders: Steve Buscemi

Katya: Sienna Miller

Regie: Steve Buscemi | USA, 2007

Länge: 81 min | FSK: ab 12 | Buch: Steve Buscemi, David Schechter | Kamera: Thomas Kist | Szenenbild: Loren Weeks | Schnitt: Kate Williams | Musik: Evan Lurie | Produktion: Gijs van de Westelaken, Bruce Weiss

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