„Alphaville“ – Filmkritik

Handlung

Der als Journalist getarnte Privatdetektiv Lemmy Caution alias Iwan Johnson soll in der futuristischen Stadt Alphaville Professor von Braun finden. Dieser hat den Supercomputer Alpha 60 entwickelt, welcher inzwischen die gesamte Stadt beherrscht. Hier regiert nur noch die absolute Logik. Gefühle sind ebenso verboten wie Kunst und Poesie. Caution macht sich zuerst auf die Suche nach dem ersten Agenten Henry Dickson. Er findet den heruntergekommenen, durcheinander erscheinenden alten Mann, welcher Caution kurz vor seinem Tod bittet alle zu retten die noch weinen können. Lemmy Caution verliebt sich in Natascha, die Tochter des Professors, welche allerdings weder die Worte „Liebe“ noch „Flirt“ begreifen kann. Denn Menschen, bei denen Gefühle wie die Liebe ausfindig gemacht werden, sind zum Tode verurteilt. Schon bald fällt Lemmys Verhalten zwischen den gefühlskalten Bewohnern Alphavilles auf und er muss sich Alpha 60 in einem Verhör stellen.

Meinung

Die Geschichte über eine utopische Stadt, einen überwachten, autonomen Staat, ist nicht neu. Schnell wird man an George Orwells 1984 erinnert und auch spätere Nachfolger wie Gattaca von Andrew Niccol basieren auf demselben Grundgedanken. Nichts desto trotz hat der Mitbegründer der Nouvelle Vague eine Welt erschaffen, die in ihrer Ausgefeiltheit – und man könnte fast schon sagen Genialität – wohl kaum mehr zu übertreffen ist. Es ist ein Genuss den eingebauten Wortspielen, literarischen Zitaten und der Poesie zu folgen. Wieder einmal macht Godard deutlich wie wichtig ihm die Beziehung zwischen Bild und Sprache ist, und er versucht mit Hilfe von Wörtern die bewegten Bilder unter Kontrolle zu bringen.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Lemmy Caution in einer narrativen Struktur erzählt. Godard bedient sich Einblendungen der Voiceover von Lemmy Caution, welcher seine Gedanken zu der Stadt wiedergibt. Hinzu kommt die elektronische Stimme von Alpha 60, der die Logik seines Vorgehens erklärt, während die schwarz-weißen Aufnahmen der Stadt an dem Zuschauer vorbeirauschen. Der Supercomputer Alpha 60 nimmt den Computer „HAL“ aus Stanley Kubricks 2001: Odysee im Weltraum vorweg, welcher drei Jahre nach Godards Produktion erschien.

In Alphaville oder auch Lemmy Caution gegen Alpha 60 vermischt Jean Luc Godard die verschiedensten Genres in einer einzigen Produktion. Von Film Noir über Science Fiction bis hin zu einem Detektivkrimi ist alles vertreten. Sein Gespür für schnelle Bildwechsel und ungewöhnliche Schuss-Gegenschuss Einstellungen ist auch in Alphaville zu bewundern. Das immer wiederkehrende auf- und abblendende Signallicht von Alpha 60 verstärkt den Eindruck einer sterilen, technisch kontrollierten Welt.

Die Bilder, welche auf den Zuschauer meist ohne viele Kommentare einströmen, wirken mitunter bedrückend. Immer behaftet mit einem Geschmack von Technik, von Logik, von Gefühlskälte.

In der Exikutionsszene im Schwimmbad wird dies besonders deutlich. Das Schauspiel sollte einem eine Gänsehaut über den Rücken laufen lassen. Die Verurteilten werden auf das Sprungbrett geführt und erschossen. Wer noch nicht tot sein sollte wird im Becken von Schwimmerinnen erstochen, welche aus der „Darbietung“ eine Art Kunstschwimmen machen. Doch die Zuschauer auf der Empore zeigen sich unbeeindruckt. Die sterile Atmosphäre ist hier ebenso perfekt wie in der pragmatisch erklärten Szene in einem Kinosaal, in welchem die Verurteilten während der Vorstellung in den Sitzen durch einen Stromschlag getötet und direkt entsorgt werden.

Godard, bekannt als ein resoluter Gesellschaftskritiker, verweist in dieser Produktion nicht zuletzt mit den Frauenfiguren auf eine negative Entwicklung der 60er Jahre. Die Frauen in Alphaville werden als „Vermittlerinnen“ bezeichnet, sind nichts anderes als Prostituierte die den Männern jederzeit zur Verfügung stehen. Niemand spricht von Gefühlen oder kann etwas mit dem Wort Liebe anfangen. Es tauchen nur immer wieder automatische Floskeln auf wie: „Mir geht es ausgezeichnet. Bitte. Danke.“

Alphaville ist großes Kino des französischem Regisseurs, der es nach eigenen Angaben vorzieht etwas zu suchen, was er nicht kennt, statt etwas das er kennt, besser zu machen. Mit dieser filmisch in Szene gesetzten Gesellschaftsutopie hat Jean Luc Godard nicht nur etwas gesucht und gefunden, sondern es auch noch hervorragend besser gemacht.

Brillante Zukunftsvision des selbstzerstörerischen Weges der menschlichen Logik.

Lemmy Caution: Eddie Constantine
Professor von Braun: Howard Vernon

Henry Dickson: Akim Tamiroff
Natascha von Braun: Anna Karina

Regie: Jean-Luc Godard | Frankreich, Italien, 1965

Länge: 95 min | FSK: ab 16 | Buch: Jean-Luc Godard | Kamera: Raoul Coutard | Szenenbild: Pierre Guffroy | Schnitt: Agnès Guillemont | Musik: Paul Misraki | Produktion: André Michelin

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