„Based on paper“, Interview mit Yvonne Reiners

Zeichnungen werden von vielen nur als eine Vorstufe zur Malerei betrachtet. Dabei ist die Zeichnung spätestens seit der Moderne eine eigenständige Gattung und als gleichwertig neben Medien wie Malerei oder Skulptur zu betrachten. Die Ausstellung „Based on paper“ zeigt vom 18.05. bis zum 01.06.2011 elf künstlerische Positionen zum Thema Zeichnungen. Fünf Studierende der HBK Braunschweig und sechs Künstler nationaler und internationaler Kunsthochschulen sind bei dem von Anikó Merten, Julia Loeser und Yvonne Reiners kuratierten Projekt vertreten.

Yvonne Reiners berichtet im Interview mit Moana Flamme über die Entstehung und Entwicklung der Ausstellung.

M.F.: „Wann und wo kam Ihnen die Idee zu dem Projekt „Based on paper“?“
Y.R.: (lacht) „Den Anfang nahm das Projekt ziemlich unspektakulär in einer Küche von Freunden, welche letztendlich nicht an der Umsetzung des Projekts beteiligt waren. Wir unterhielten uns über mögliche Themen für Ausstellungen und kamen so auf das Medium Zeichnung. Auf der Suche nach einem möglichen Titel warf Helene Roßmann, eine befreundete Künstlerin, ein, dieser müsste „Based on paper“, also „entstanden/gezeichnet auf Papier“ lauten.
Jedoch erst ein Jahr nach diesem Gespräch griff ich diese Idee wieder auf. Anreiz dazu bot mir das Seminar „Kuratorische Praxis“ an der HBK Braunschweig, geführt von Prof. Dr. Christoph Metzger, in welchem man sich mit der Umsetzung von Ideen in reale Projekte beschäftigte. Hier lernte ich auch Anikó Merten und Julia Loeser kennen. Anikó übernahm die Pressearbeiten und Julia ließ ihre Erfahrungen im Bereich Arthandling einfließen. So nahm „Based on paper“ seinen Anfang.“

M.F.: „Warum gerade das Thema Zeichnung?“
Y.R.: „Die Zeichnung ist in dem heutigen Kunstbetrieb als eigenständige Gattung kaum vertreten . Bereits im 15. Jahrhundert gab es Streitigkeiten zwischen Malern und Zeichnern über das Medium Zeichnung. An den Scuole (Kunsthochschulen) entbrannten Diskussionen über die Eigenständigkeit dieser Gattung. Welche Möglichkeiten der Zeichnungen gibt es, sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart? Angefangen bei der Form und Linie über die Skizze, die Struktur bis hin zu einer als vollständigen Arbeit angesehenen Zeichnung. Diese Fragen wollten wir wieder aufgreifen und neu bearbeiten.“

M.F.: „Wer war an der Auswahl der Künstler beteiligt?“
Y.R.: „Neben Anikó, Julia und mir standen uns Prof. Dr. Metzger, Prof. Bogomir Ecker, Hilke Wagner (Direktorin des Kunstvereins Braunschweig), Sarah Frost (ehem. kuratorische Assistentin Kunstverein Braunschweig) und Prof. Dr. Andreas Bee in beratender Funktion zur Seite. Aus ca. 70 Einsendungen wählten wir die 11 Positionen aus, welche zur Zeit bei „Based on paper“ zu sehen sind.“

M.F.: „Welche speziellen Positionen des Mediums Zeichnung vertreten die ausgewählten Künstler, dass die Entscheidung auf sie fiel?“
Y.R.: „An den Arbeiten von Birte Bosse, HBK Braunschweig, und Esther Ernst, Studentin der Universität der Künste Berlin, lässt sich gut erläutern, dass man mit Zeichnungen nicht „lügen“ kann, da jeder Strich unmittelbar ist. Selbst Ausradiertes bleibt sichtbar, der Träger Papier gibt dem Druck des Stiftes nach, die Spur lässt sich von nun an nicht mehr verbergen. Esther Ernst zeichnet in ihre Arbeiten Spuren, welche wie zufällig passiert aussehen, z.B. wie über die Zeichnung gelaufener Rotwein, es aber nicht sind, sondern im Gegenteil: Kein Rotwein lief hier je über das Blatt. Die Spur ist gezeichnet.
Birte Bosse arbeitet mit Skulpturen. Sie bezieht die Formen ihrer Zeichnungen aus dem Material selbst. Mit feinen Strichen holt sie diese aus dem Papier hervor, macht sie für den Betrachter sichtbar.“

M.F.: „Die Collage von Aristides Santana oder das Video von dem schwedischen Künstler Olof Nimar lösen sich von der ursprünglichen Form der Zeichnung. Entwickelt sich hier eine neue Gattung?“
Y.R.: „Aristides stellte sich die Frage, was Zeichnung alles kann. Die Antwort lautet: alles was nicht täuscht. Er erstellte eine Collage auf denen er Symbole, Piktogramme, Icons zeigt, die er aus dem Internet herausgesucht hat. So entstand eine Informationsgrafik, was wiederum eine Art der Zeichnung darstellt.
Olof beschäftigt sich mit Bildtheorie und geht sehr konzeptuell an das Thema Zeichnung heran. Sein Video, welches man bereits als Landart bezeichnen kann, zeigt ihn auf einer Grasfläche, im Hintergrund das Meer, wie er einen großen Kreis in das Gras zeichnet. Die Kameraeinstellung ist nicht groß genug, um den gesamten Kreis und alle Bewegungen von Olof einzufangen. Diese Aufnahme stellt einen Widerspruch in sich dar. Der Betrachter sieht zum einen die Zeichnung im Film und das Video, welches, mit dem Projektor an die Wand geworfen, auch als eine Form von Lichtzeichnung gesehen werden kann.“

M.F.: „Wie sehen Sie die Zukunft für die Gattung Zeichnung?“
Y.R.: „Die Zeichnung könnte noch spannender werden. Der Trend sollte wegführen von dem Spektakulären, der Masse und die Zeichnung als das betrachten was sie ist: ein stilles Medium, für das man sich Zeit nehmen sollte. Ich glaube das dies ein Thema ist, welches viele Leute auch weiterhin interessieren wird, denn fast jeder zeichnet doch ein wenig, oder? Das ist jedoch nur meine subjektive Meinung.“

M.F.: „Möchten Sie noch jemanden in Bezug auf die Ausstellung erwähnen?“
Y.R.: „Ja! Ich möchte unseren Förderern danken. Da wären die ÖFFENTLICHE, das Kulturinstitut der Stadt Braunschweig, das Gobierno de Canarias (Teneriffa) und natürlich die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Zudem würden wir uns wünschen einen Katalog über die Ausstellung herausbringen zu können, damit wir etwas in den Händen halten können das bleibt. Es sind viele Ideen hierzu vorhanden nur leider fehlen uns die finanziellen Mittel.“

M.F.: „ „Based on paper“ wird noch an weiteren Stationen halt machen, ist das richtig?“
Y.R.: „Ja, die Ausstellung wird nach Braunschweig in den kommenden Monaten noch in Köln, Frankfurt am Main und Malmö, Schweden zu sehen sein.“

M.F.: „Vielen Dank für das Gespräch.“
Y.R.: „Bitte, gern geschehen.“

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